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Archive for the ‘Autobiographische (Sach-)Bücher’ Category

Polen war eines der zwei Länder der „Deutschland und seine Nachbarn“-Challenge, zu dem mir auf Anhieb weder ein Autor noch eine Autorin eingefallen ist. Zum Glück gibt es bei Wikipedia nach Ländern geordnete Listen von SchriftstellerInnen, und so bin ich auf Janina David und ihr Buch „Ein Stück Himmel“ gestoßen:

Janina David wurde 1930 im polnischen Kalisch in eine wohlhabende jüdische Familie geboren. Nach einer im Großen und Ganzen glücklichen Kindheit endet ihr bisheriges Leben durch den deutschen Überfall auf Polen und den davon ausgelösten zweiten Weltkrieg. Ab 1940 muss sie mit ihrer Familie im Warschauer Ghetto leben, 1943 kann ihr Vater die Flucht zu einer Bekannten „draußen“ in Warschau organisieren – aber nur für sie: Ihr Vater und ihre Mutter müssen im Ghetto bleiben. An dieser Stelle endet „Ein Stück Himmel“.

Bedrückend zu lesen, wie das Kind Janina die Judenfeindlichkeit in Polen erlebt. Furchtbar, wie ihr unschuldiger Wunsch aus Vorkriegszeiten

Wenn wir nur arm wären, wenn ich nur einmal hungern müsste […]. Wenn ich nur nicht fünfmal am Tag alle diese feinen, leicht verdaulichen Sachen essen müsste, die immer eigens für mich gekocht wurden, seit ich mit zwei Jahren einmal [sehr] krank war […].

im Ghetto grausame Wirklichkeit wird. Wie Hunger, Krankheiten und die immer präsente Angst vor nationalsozialistischen „Aktionen“, also letztlich mehr und mehr die Angst vor dem Tod, den Alltag dort prägen. Herzzerreißend schließlich, wie Janina mit 13 ihre Eltern verlassen muss, um überleben zu können.

„Ein Stück Himmel“ ist in Ich-Form geschrieben, Janina David erzählt aus der Sicht des Kindes, das sie war; im Vergleich zu Anne Franks Tagebuch ist der Stil aus Altersgründen also naiver, was gleichzeitig aber die Geschehnisse noch unfassbarer macht: wie soll ein Kind das alles begreifen, was selbst für die Erwachsenen um sie herum unfassbar ist? Nach und nach schrumpft Janinas einst so weite Welt für sie im Ghetto zu einem Blick auf „ein (kleines) Stück Himmel“.

Die Nachfolgebände („Ein Stück Erde“ und „Ein Stück Fremde“) stehen schon auf meiner Einkaufsliste.

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Doch wenn ich das Wort Hartz IV ausspreche oder denke oder auch nur versuchsweise auf mich selber anwende, dann kann ich nicht glauben, dass ich dazugehören soll. Dass ich das bin.

Nach dem Philosophiestudium und einem Job als Barkeeper wird Thomas Mahler arbeitslos und muss Hartz IV beantragen. Er schildert seine Gefühle und Erlebnisse „in der Schlange“ vor dem Arbeitsamt, beim ersten Treffen mit seiner Sachbearbeiterin, in einer sinnlosen Trainingsmaßnahme („Das ist einfach so.“) und bei stupiden 1€-Jobs. Er erzählt von einem Geburtstagskaffee bei Verwandten, bei dem die eigentlich harmlose Frage nach seiner derzeitigen Tätigkeit zum Spießrutenlauf wird. Und schließlich von seinem Ausweg aus Hartz IV – den er allerdings nicht dem Arbeitsamt, sondern einem Buchvertrag zu verdanken hat.

Man weiß nicht, ob man lachen oder weinen soll bei diesem Buch:

Weinen, weil Hartz IV an sich ja ein trauriges Thema ist, und der Autor durchaus auch leidet: am Geldmangel (auch wenn im Buch vergleichsweise wenig zu diesem Aspekt der Arbeitslosigkeit gesagt wird; meiner Meinung nach ist das aber der Grundlegende), an fehlenden Aufgaben und am Statusverlust; an Letzterem sogar so sehr, dass er nicht einmal seiner Familie die Wahrheit sagen kann.

Lachen, weil Mahler überaus humorvoll über sein „Jahr auf Hartz IV“ schreibt. Gerade seine Trainingsmaßnahme und seine   1€-Jobs scheinen dermaßen absurd gewesen zu sein, dass jeder Satiriker sich die Hände reiben würde über solche Erlebnisse.

Aber trotzdem konnte ich nicht richtig warm werden mit dem Buch. Trotz vieler (mehr oder weniger) philosophischer Gedanken bleibt das Buch seltsam oberflächlich. Liegt das an den Klischees, die Mahler oft bemüht? Oder an der Tatsache, dass das Buch (natürlich) aus einer „Ich habe es hinter mir, ich bin jetzt Autor“-Sicht geschrieben wurde? Wäre an ein, zwei Stellen mehr Ernsthaftigkeit angebracht gewesen (so wie bei dem Zitat am Beginn meiner Rezension, das ich einfach grandios finde) oder insgesamt eine andere Gewichtung des Beschriebenen?

Bei mir lag es wohl an einer Mischung aus allem, dass ich das Buch zwiespältig betrachte. Als erster Einstieg für Leute, die sich näher mit dem Thema Hartz IV beschäftigen wollen, ist es auf jeden Fall geeignet. Nur muss man sich bewusst machen, dass es für viele eben kein so glückliches Ende gibt wie für Herrn Mahler.

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„Was ist ein Mensch? Woher wollen wir das wissen?“

Durch Lesen.

Wahrhaftiges, lustvolles, genießendes Lesen.

Ich mag Menschen, die sich mit Literatur auskennen und andere dafür begeistern können. Diese Menschen stellen Zusammenhänge her, analysieren und interpretieren, dass es eine Freude ist, ihren Gedankengängen zu folgen.

Und ich mag die Bücher, die solche Menschen schreiben, wie Ulrike Draesners „Schöne Frauen lesen“:

9 Autorinnen und ihr Werk stellt sie erst in Kurzportäts, dann in Essays vor, darunter Gustave Flaubert mit „Madame Bovary“, der durch sein Zitat „Madame Bovary, c’est moi“ gut in diesen Rahmen passt.

Annette von Droste-Hülshoffs Gedicht „Das Spiegelbild“ interpretiert Draesner furios auf 13 Seiten, sie nimmt uns mit zu Virginia Woolfs „Mrs. Dalloway“ und „The Waves“, weckte meine Neugier auf die Sprachspielereien von Gertrude Stein, schreibt 49 freie Verse über Friederike Mayröcker und beleuchtet das „Schreiben und Leben“ der Autorin von „Besessen“, Antonia S. Byatt. Und sie hat mein Interesse für zwei Autorinnen geweckt, die ich noch nicht kannte: Marcelle Sauvageot und Michèle Métail.

Dieses Buch kann man nicht „mal eben schnell“ lesen. Viele Sätze muss man sich auf der Zunge zergehen lassen, mehrmals lesen, durchdenken und auf sich wirken lassen. Man merkt der Sprache und dem Inhalt an, dass Draesner Lyrikerin und promovierte Germanistin ist.

Ein Buch über die Kunst der Literatur, das selbst ein Kunstwerk ist. Und eine wunderbare Liebeserklärung an „wahrhaftiges, lustvolles, genießendes Lesen“.

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Ein Journalist 6 Monate lang ohne Internet – das geht nicht? Alex Rühle, studierter Literaturwissenschaftler und seit 2001 SZ-Redakteur, tritt den Gegenbeweis an. Ein halbes Jahr (von Dezember 2009 bis Mai 2010) verbringt er offline und ohne sein heißgeliebtes Blackberry-Smartphone – einen Monat zuhause, den nächsten wieder in der Redaktion. Von seinen Erlebnissen und Gedanken in dieser Zeit erzählt er in „Ohne Netz“:

In einem wunderbaren, lakonisch-selbstironischen Schreibstil berichtet Rühle von den Reaktionen seiner Umwelt und seinen Schwierigkeiten, in einer digitalen (Arbeits-)Welt analog zu überleben. Von seiner Brieffreundschaft mit einem Gefangenen und der philosophischen Weltsicht seiner Kinder. Und nicht zuletzt davon, wie er in der Matthäus-Passion Wale entdeckte und fast zum Demonstranten in einem Sex-Shop wurde.

Alex Rühle nimmt weder sich noch andere sonderlich ernst, Netz-Fanatiker und Kultur-Pessimisten bekommen gleichermaßen ihr Fett weg und man bekommt zusätzlich einen Einblick hinter die Kulissen einer Zeitungsredaktion. Viele Bücher führt er an, von soziologischen Studien bis zu Thoreaus „Walden“ – meine „Muss ich unbedingt noch lesen!“-Liste hat sich beim Lesen dieses Buches doch um einiges vergrößert.

Mein Fazit: Ich liebe dieses Buch!

Linktipp: Der Verlagsblog zur Entstehung von „Ohne Netz“: http://ohne-netz.de/netzstille/

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Seitdem ich im Dezember Axel Hacke live erleben durfte, stand für mich fest: Dieses Buch musst Du lesen! Denn die Auszüge, die er aus „Wofür stehst Du?“ (Untertitel: „Was in unserem Leben wichtig ist- eine Suche“) vorgelesen hat, haben mich neugierig gemacht.

Axel Hacke, Schriftsteller und Journalist, und Giovanni di Lorenzo, Chefredakteur der „Zeit“, schreiben, mal heiter, mal ernst, über „große“ Themen wie Politik, Familie, Krankheit, Gerechtigkeit und Integration. Diese Themen gehen sie sehr persönlich an, man erfährt viel über ihr Leben von der Kindheit bis heute, ihre politischen Überzeugungen und den Wandel derselben. Als “ Plädoyer gegen die Gleichgültigkeit“ möchten sie ihren Dialog verstanden wissen.

Als Geschichtsbuch und Buch zur politischen Bildung der anderen Art könnte man „Wofür stehst Du?“ auch bezeichnen. Es macht nachdenklich, was die beiden da erzählen, hinter so manchem vordergründig Komischen stecken kleine Tragödien und manch kleine Tragödien werden herrlich lakonisch geschildert. Mit sich selbst sind Hacke und di Lorenzo auch alles andere als unkritisch- glücklicherweise, denn das ist ein weiterer Pluspunkt dieses Buches.

Negativ aufgefallen beim Lesen ist mir nur die Stelle, in der Hacke ein Loblied auf, wie soll ich es nennen, die „dienende Frau“ singt (also eine Frau, die sich selbst für andere völlig aufgibt)- da hätte ich ihm am liebsten ein Exemplar der „Emma“ über den Schädel gezogen und danach mit einem lauten „Lesen! Jetzt sofort! Und etwas daraus lernen!“ in die Hand gedrückt.

Ansonsten kann ich aber auch über „Wofür stehst Du?“ nur sagen: „Lesen!“

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Hatte schon viel Positives über dieses Buch gelesen, deswegen war ich vom schwachen Anfang enttäuscht und hätte es beinahe weggelegt. Zum Glück nur beinahe, denn nach ungefähr 20 schwachen Seiten läuft Sam zu Hochform auf und ich konnte die positiven Kritiken verstehen:

In Form kurzer Geschichten, gerichtet an eine fiktive neue Kassierer-Kollegin, erzählt Anna Sam von ihrem Arbeitsalltag. Die französische Literaturwissenschaftlerin, die während und nach ihrem Studium insgesamt 8 Jahre hinter einer Supermarktkasse saß, erzählt von den Kunden-Typen, die sich so im Supermarkt tummeln, von den Arbeitsbedingungen und Vorgesetzten und das wortgewandt, lakonisch und witzig. Aber auch hintersinnig, denn gerade bei den Beschreibungen der Arbeitsbedingungen und dem Verhalten so mancher Kunden kommt hinter dem Augenzwinkern berechtigte Sozialkritik zum Vorschein.

Ein Buch zum Lachen und Nachdenken- empfehlenswert!

Anna Sams (französischer) Blog (da erschienen ihre Geschichte zuerst): http://caissierenofutur.over-blog.com/

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